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Kommentar von Carola Siegel

24.11.2022

Vor genau einem Monat erschien in der britischen VOGUE dieser brillante Artikel: What-ADHD-feels-like , etwas später die deutsche Übersetzung: ADHS-Störung-Erfahrungen-einer-Betroffenen.

Leider hat die deutsche VOGUE den wunderbaren Originaltitel nicht übernommen, sondern durch etwas Langweiligeres ersetzt – und auch noch das Wort „Störung“ eingebaut. Als Betroffene knirsche ich da dezent mit den Zähnen und habe aus purem Trotz versucht, den Originaltitel hier zu übersetzen.

Der Text beschreibt eindrucksvoll, wie sich (undiagnostiziertes) ADHS auf das Leben und die beruflichen Optionen einer begabten Frau auswirkt. Sie will ja, und sie ist hoch motiviert. Aber dann dauert es doch wieder ewig bis zu einem druckreifen Text. Auch wenn sie sich noch so anstrengt, sie ist sehr oft (zu) spät dran. So sieht das in der Realität aus, was in der Literatur als Zeitblindheit oder „Probleme mit Exekutivfunktionen“ beschrieben wird.

Dann kommt noch der soziale Aspekt dazu. Ich habe in 15 Jahren Aktivität in der Selbsthilfe keine einzige Frau kennengelernt, die nicht ein mittleres bis massives Selbstwertproblem mit sich herumschleppt. Verniedlichende oder pseudomotivierende Kommentare sind da nicht hilfreich. Ganz im Gegenteil, sie verstärken das Problem noch.

Liebe Partner:innen, Angehörige und Kolleg:innen: lest den Text bitte aufmerksam! Hier könnt ihr lernen, welchen Schaden manch gut gemeinter Kommentar anrichten kann. Wenn euer Mitmensch mit ADHS sagt, er/sie habe sich angestrengt, dann glaubt das bitte. Es ist nicht Mangel an Interesse oder Motivation, der Unsereins oft unzuverlässig erscheinen lässt. Wir haben einfach ein Problem mit unserer Hirnchemie. Wenn ihr helfen wollt, dann fragt nach und/oder kommentiert ermutigend. Was wir tun sollten und wie wir es tun sollten, wissen wir meist eh, wir scheitern „nur“ an der zeitgerechten Umsetzung.

Liebe Betroffene: lest den Text mit Interesse, lasst ggf. auch das eine oder andere Tränchen fließen und holt euch hier den Trost, dass ihr nicht allein seid mit euren Schwierigkeiten. Wenn euer Umfeld keine Lust hat, sich über das Störungsbild zu informieren, dann sollten sie wenigstens Texte wie diesen aus der VOGUE lesen.

Wenn wir uns alle mit Wertschätzung und Empathie begegnen, dann kann ein gedeihliches Zusammenleben gelingen – egal ob wir ein Standardhirn haben oder die Normvariante mit Namen ADHS. Versuchen wir es doch einfach!

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