Ein spannender Abend: Der ADHD Chatter Podcast live in London

von | 19. Mai 2026 | Blog, Information

Am 19. Mai 2026 war unser Teammitglied Margarita Soyka in London beim ADHD Chatter Podcasts live dabei, veranstaltet von Alex Partridge. Es war ein unglaublich spannendes Event mit einer beeindruckenden Runde von Expert*innen: Dr. Mark Rackle (Psychologe), Dr.in Judith Mohring (Psychiaterin) und Dr.in Jessica Eccles (Psychiaterin).

Dr. Mark Rackle: AuDHD und die Kunst des Maskierens

Dr. Rackle, ein Experte für AuDHD (Autismus-Spektrum-Störung und ADHS), beleuchtete die unterschiedlichen Bedürfnisse von Autismus und ADHS. ADHS strebt nach Stimulation und benötigt diese auch, während ein Übermaß an Stimulation bei Autismus schnell zu Überforderung und Erschöpfung führt.

Er identifizierte vier Merkmale von AuDHD:

  1. Inkonsistenzen: Was heute mühelos gelingt, kann morgen eine enorme Hürde sein. „Das einzig Beständige ist die Inkonsistenz“, so sein treffendes Fazit.
  2. Emotionale Dysregulation
  3. Herausforderungen in sozialen Interaktionen
  4. Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Sinnesreizen (z.B. Licht, Geräusche, Berührungen)

Besonders hob er hervor, dass der Autismus-Anteil oft zu starkem Maskierungsverhalten führt. Menschen mit Autismus entwickeln sogenannte „Social Scripts“, die sie in sozialen Situationen abrufen. Er kannte einen Klienten, der sich mithilfe von TV-Serien angeeignet hatte, wie man in verschiedenen sozialen Situationen passende Gespräche führt.

Auch im Bereich Hobbies und Interessen zeigen sich Inkonsistenzen:
Oft kommt es zum Hyperfokus auf ein bestimmtes Thema / Hobby, das plötzlich aufgrund von Überforderung und Langeweile wieder fallen gelassen wird. Ein Mechanismus, der Betroffen selbst oft verwundert.

Dr.in Judith Mohring: Späte Diagnosen und die Verarbeitung

Dr.in Mohring teilte ihre Erfahrungen mit Klient*innen, die erst spät eine ADHS-Diagnose erhalten. Oft fühlen sie sich nach der Diagnose zunächst sehr verletzlich. Es braucht Zeit, um zu begreifen, dass sie stets ihr Bestes gegeben haben. Es war nie ihre Schuld. Trauer, Scham und Verwirrung sind häufige Emotionen im Verarbeitungsprozess, aber auch die Erkenntnis: „It’s not me. I’m not broken / too much. My brain works differently!“

Sie verglich es bildlich: „Ich höre schlecht. Warum hat mir niemand gesagt, dass ich schlecht höre und ein Hörgerät brauche? Dann hätten sie auch weniger mit mir geschrien.“ Bei ADHS sind paradoxerweise manche schwierigen Dinge leicht und leichte Dinge schwer. Es fällt Betroffenen oft schwer zu verstehen, warum sie in einigen Bereichen hervorragend „funktionieren“ können, während alltägliche Aufgaben zu unüberwindbaren Hindernissen werden können. Dr.in Mohring erzählte von ihrer eigenen Erfahrung: Sie steht problemlos auf der Bühne, um ihr Fachwissen zu teilen, empfindet das Schreiben und Verschicken eines einfachen Briefes jedoch als große Herausforderung.

Das Beginnen und Unterbrechen von Projekten stellt ebenfalls eine Schwierigkeit dar. Ihren Klient*innen fällt es schwer, die eigenen Inkonsistenzen in Interesse, Energie und Emotionen nachzuvollziehen.

Auf die steigenden Zahlen von ADHS-Diagnosen angesprochen, liege das unter anderem daran, dass 2013 die diagnostischen Kriterien für ADHS angepasst und erweitert wurden, was die Diagnose seither erleichtert hat. Sie betonte die Vielfältigkeit von Neurodiversität und wies darauf hin, dass Frauen nach wie vor häufig mit Borderline-Störungen, Angststörungen oder Depressionen fehldiagnostiziert werden, anstatt eine ADHS-Diagnose zu erhalten. Oft sind es Lebensumbrüche – ein Studium, ein Jobwechsel, hormonelle Veränderungen nach einer Geburt oder in den Wechseljahren –, die dazu führen, dass die bisherigen Bewältigungsstrategien und das Maskieren nicht mehr greifen und der Weg zur Diagnose gesucht wird.

Dr.in Jessica Eccles: RSD und die Verbindung zwischen Gehirn und Körper

Dr.in Eccles widmete sich dem Thema RSD (Rejection Sensitivity Dysphoria). An dieser Stelle sei betont, dass dies derzeit keine offizielle Diagnose im Rahmen der ICD-11 ist. Sie erklärte, dass Menschen mit ADHS sowohl zu Euphorie als auch zu Dysphorie neigen. Zwar nehmen sie erlebte Kritik besonders intensiv auf, doch andererseits empfinden sie eine große Euphorie und Freude, wenn sie ein neues Hobby beginnen oder sich verlieben. Für sie sind diese Extreme zwei Seiten derselben Medaille.

Ihre Forschung konzentriert sich auf die faszinierenden Zusammenhänge zwischen Neurodiversität und dem Körper. Sie wies darauf hin, dass die kognitive Orientierung im Raum bei ADHS beeinträchtigt sein kann. Eine Frage ans Publikum, wer zu blauen Flecken neigt, ließ viele Hände in die Höhe schnellen – ein Phänomen, das sie damit in Verbindung brachte. Ebenso besitzen Menschen mit ADHS ein Nervensystem, das schnell zum Kampf- oder Fluchtmodus neigt. Während Hypermobilität in der Allgemeinbevölkerung bei bis zu 20 % vorkommt, zeigen Studien bei Personen mit diagnostizierten Angststörungen eine Hypermobilitätsrate von bis zu 70 %. Der Zusammenhang zwischen Neurodivergenz und Hypermobilität ist bekannt und wird erforscht.

Dr.in Eccles beleuchtete auch mögliche positive Aspekte von RSD, wie eine erhöhte Empathiefähigkeit und den Wunsch, sich für Gerechtigkeit einzusetzen.

Für den Umgang mit RSD gab sie folgende wertvolle Tipps:

  1. Erkennen und Benennen: Den ersten Schritt bildet die Fähigkeit, RSD zu identifizieren und zu akzeptieren, dass unser Gehirn in solchen Momenten dazu neigt, zu katastrophisieren.
  2. Selbstakzeptanz: Sich selbst anzunehmen, zu verstehen und zu respektieren, führt zu weniger Maskierungsverhalten und RSD hat dann weitaus weniger Angriffsfäche.
  3. Gegenbeweise suchen: Hinterfragen Sie die Katastrophenszenarien, die Ihr Gehirn gerade entwirft, und suchen Sie aktiv nach Argumenten, die dagegen sprechen.

Wer mehr über ihre spannende Forschung erfahren möchte, findet Dr.in Eccles auf ihrem YouTube-Kanal: the bendy brain, wo sie ihre Erkenntnisse teilt. Hier der Link zu ihrem Vortrag „The neurodivergent Brain-Body connection“: https://youtu.be/D_r86lS_GKc?is=yYPS9BwMKqzSrw9t

Und da London schließlich mehr zu bieten hat als Tagungsräume oder in unserem Fall eine Kirche (in der der Podcast live stattfand), fand sich unser Teammitglied auch in der Pixar-Mundo-Ausstellung wieder – ganz professionell, versteht sich.

Gefühlsregulierung

Vergesslichkeit

positives Denken

und konstruktiver Umgang mit dem inneren Kritiker:

Das klingt verdächtig nach einem Methodenkoffer. Ob Inside Out jetzt offiziell als Fachliteratur gilt, klären wir intern noch.

Unser Teammitglied ist sich sicher: Manchmal steckt in einem hervorragenden animierten Abenteuer mehr psychologische Lebensweisheit als in so manchem Fachbuch. wink