Bestandsaufnahme Bildungssystem 2026
Im Jänner 2026 hat das Bildungsministerium eine der größten Befragungen der letzten Jahre durchgeführt: Über 30.000 Eltern, Lehrkräfte und Schüler/innen haben Rückmeldung zum Ist-Zustand an Österreichs Schulen gegeben. Das Ergebnis ist eine detaillierte Liste an Baustellen – von der Vorbereitung auf das Leben bis hin zum Bürokratie-Frust in den Konferenzzimmern. Die aktuelle Zufriedenheit im Schulsystem: Luft nach oben
Fragt man nach der allgemeinen Schulnote für das System, ist das Bild eher ernüchternd. Auf einer Skala von 1 (sehr zufrieden) bis 5 (sehr unzufrieden) schätzen die Gruppen die Lage so ein:
- Schüler/innen: 2,6
- Eltern: 3,2
- Lehrkräfte: 3,3
Noch deutlicher wird die Kritik bei der Frage, ob die Schule ausreichend auf die Zeit danach vorbereitet. Hier vergeben die Eltern eine 4,3. Die Lehrer liegen bei 3,8 und die Schüler selbst bei 3,5. Damit herrscht über alle Gruppen hinweg Skepsis, ob das aktuelle System wirklich „lebensfit“ macht.
Was den Alltag am meisten belastet
Die Umfrage hat auch abgefragt, wo es im täglichen Betrieb am meisten hakt (Skala 1 bis 6, wobei 6 die höchste Belastung ist).
Die Top 3 Belastungen im Schulalltag sind:
- Social Media: Mit Werten von 5,3 (Eltern) und 5,0 (Lehrer) wird der Einfluss von Handys auf die Konzentration als massives Problem gesehen.
- Bürokratie: Bei den Lehrkräften landet der Verwaltungsaufwand mit einem Wert von 5,0 ganz oben auf der Belastungsskala.
- Heterogenität: Die Herausforderung durch unterschiedliche Sprachniveaus und Leistungen in einer Klasse wird konstant mit 4,6 bis 4,7 bewertet.
Einigkeit bei den Zukunftsthemen
Interessant ist der breite Konsens bei der Frage, was Kinder heute eigentlich lernen sollten. Soziale Kompetenzen, kritisches Denken und die Fähigkeit, sich selbst zu organisieren („Lernen lernen“), stehen bei allen Befragten ganz oben auf der Liste. Digitale Kompetenz ist zwar wichtig, wird aber vor allem von den Schülern deutlich stärker priorisiert als von den Lehrkräften.
Der Konflikt im Lehrplan: Mehr Inhalt, aber was fällt raus?
Hier zeigen die Daten eine echte Sackgasse: Einerseits sagen 83 % der Schüler, 74 % der Eltern und 71 % der Lehrer: Ja, wir müssen alten Stoff reduzieren, um Platz für Neues zu schaffen.
Geht es aber ins Detail, driften die Meinungen auseinander: 63 % der Schüler wären bereit, für neue Fächer (wie Finanzbildung oder Demokratie) bestehende Inhalte zu kürzen. Bei den Lehrern sind dazu aber nur 19 % bereit.
Man ist sich also einig, dass neue Themen Einzug in den Unterricht finden müssen. Umstritten bleibt, was dafür aus dem Lehrplan fallen kann und soll.
Digitalisierung und Handys
Beim Thema Technik zeigt sich ein klarer Generationen-Unterschied. Während Schüler in der Oberstufe massiv nach mehr digitalen Tools verlangen, gibt es vor allem in den Volksschulen viele Lehrkräfte, die sich eher „weniger Digitalisierung“ wünschen.
Besonders drastisch ist der Unterschied beim Handyverbot bis zur 8. Schulstufe
Eltern & Lehrkräfte: Sie befürworten das Verbot (Werte von 1,3 bis 1,5).
Schüler:innen sehen das mit 2,4 deutlich negativer. Sogar eine Ausweitung des Verbots auf die Oberstufe fänden rund 60 % der Erwachsenen gut, während die Hälfte der Jugendlichen strikt dagegen ist.
Baustelle Lehrerausbildung
Zum Schluss noch ein Blick auf die Pädagog:innen selbst: Sie bewerten ihre eigene Vorbereitung auf den Schulalltag im Schnitt nur mit einer 3,8. Ganze 67 % fordern deshalb eine Ausbildung, die deutlich mehr Praxisanteile enthält als bisher.
Stellungnahme von ADAPT
Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage machen deutlich, dass in der Ausbildung von Lehrkräften ein struktureller Entwicklungsbedarf besteht. Insbesondere im Bereich Neurodivergenz – etwa ADHS, Autismus oder Lernstörungen – sind entsprechende Inhalte im Lehramtsstudium bislang nicht ausreichend verankert.
„Die Umfrage zeigt sehr klar, dass angehende Lehrkräfte bereits während ihres Studiums fundiertes Wissen über Neurodivergenz erwerben sollten“, betont ADAPT-Obfrau Karin Schmid-Gallistl. „Derzeit sind viele Pädagoginnen und Pädagogen darauf angewiesen, sich dieses Wissen erst im Berufsalltag über einzelne Fortbildungen anzueignen. Diese werden jedoch weder flächendeckend angeboten noch ist im schulischen Alltag immer ausreichend Zeit dafür vorhanden.“
Besonders bemerkenswert ist aus Sicht von ADAPT auch ein weiteres Ergebnis der Umfrage: Lehrkräfte selbst bewerten das österreichische Schulsystem am kritischsten.
„Das deutet darauf hin, dass gerade jene Berufsgruppe, die täglich mit den Herausforderungen im Klassenzimmer konfrontiert ist, die Defizite am stärksten wahrnimmt“, so Schmid-Gallistl. „Eine bessere Vorbereitung auf neurodiverse Lernbedürfnisse wäre daher nicht nur für Schülerinnen und Schüler ein Gewinn, sondern würde auch Lehrkräfte im Schulalltag deutlich entlasten.“
Aus Sicht von ADAPT unterstreicht die Umfrage Folgendes:
Die systematische Verankerung von Neurodivergenz in der LehrerInnen-Ausbildung ist ein wichtiger Schritt hin zu einem inklusiveren und praxisnäheren Bildungssystem.
Die ersten Maßnahmen des Programms „Bildung fürs Leben“ werden laut Bundesministerium bereits vorbereitet bzw. befinden sich in Umsetzung. Auf der Seite Freiraum-Tracker kann man sich den aktuellen Stand jederzeit ansehen.
Für alle Interessenten gibt es hier den Link zu den offiziellen Umfrageergebnissen: https://www.bildungfuersleben.at/docs/bildung_fuers_leben_praesentation.pdf
