Unser Projekt: „Alle anders, alle gleich.“

von | 26. März 2026 | Blog, Aktuell, Information

Ich möchte mich bei meiner Tochter von Herzen bedanken, die mir erlaubt hat, diesen Blog-Artikel zu verfassen. Und bei meiner wunderbaren besseren Hälfte, die meine persönliche Stütze ist, jeden Tag seit wir einander kennen.

Es ist ein Schultag, wie alle anderen. Scheinbar.

Doch bei uns grüßt täglich das Murmeltier. Nicht wie im gleichnamigen humorvollen Film. Es ist ein Morgengruß des Schreckens und der Freude zugleich. Das Schuljahresende steht bevor, vielleicht ist danach ein Schulwechsel geplant oder auch nicht. Vielleicht fühlt sich unser Kind wohl früh am Morgen und steht mit Leichtigkeit auf? Der Wunsch nach einem Uhrwerk, Gleichmäßigkeit, geregelten Abläufen, ganz ohne Stress frühstücken (wenn es sich denn mal ausginge). Mit dem Klingeln meines Weckers sind meine Wünsche und Vorstellungen, wie so ein Tag beginnen könnte, oft wie weggeblasen. Jetzt beginnt der Alltag und das Murmeltier muss geweckt werden. Warum eigentlich?
Weil es nicht so leicht wie andere aus den Federn kommt. Weil plötzlich das Anziehen eines Socken zu einer Aufgabe für die nächsten 20 Minuten wird. Und wenn das wertschätzende, motivierende und wachsame Elternauge nicht dabei ist, dann können aus zwanzig auch rasant vierzig Minuten werden und prompt hat man den Bus oder den Zug zur Schule verpasst. Blöderweise kommt der nächste erst 30 Minuten später und dann … Maßregelung durch die Schulleitung. Schon wieder zu spät.

Kennt das jemand?

Der Alltag von Eltern neurodivergenter Kinder und Jugendlicher ist durch unterschiedliche Grade der Leichtigkeit gekennzeichnet. Ich erinnere mich an das Buch „Das gewünschteste Wunschkind“ (Katja Seide). Es war meine Bettlektüre und hat mich auf dem Weg zur Arbeit begleitet. Das ist nun über sechs Jahre her. Ich habe immer wieder über die Herausforderungen geschmunzelt, die mich so begleitet haben in den ersten Jahren mit meinem (unserem) gewünschtesten Wunschkind. Meine Frau und ich lieben unseren Schatz innig … verstehen wir sie auch immer? Nein. Ist unser Murmeltier glücklich? Ich denke schon, zumindest bis zum Alter von 9 Jahren. Und vieles wäre bewältigbar(erer), wenn es da nicht etwas gäbe, das uns auf Trab hält – gefühlt 7 Tage pro Woche in der Früh und abends.

ABER … verfluchterweise endet die Herausforderung nicht, wenn unser Kind die Haustür verlassen hat.

Denn heute trifft unser neurodivergentes Kind auf ein System, das wir selbst durchlaufen haben:

Die höher bildende Schule.

Eine wirklich gute so nebenbei. Sie hat sie sich selbst ausgesucht. Mit großartigen Lehrpersonen, die jung und dynamisch, erfahren und gelassen sind. Im Großen und Ganzen: Wunderbar!

Ich darf hier (leider) keine Namen nennen, möchte jedoch meinen Dank an die Lehrkräfte unseres Kindes ausrichten, die bereit waren und sind, unser Kind beim Heranwachsen zu einer kompetenten jungen Frau zu unterstützen, die stark ist, eine eigene Meinung hat und sie vertritt.

Doch dann ist da noch etwas, das sich nicht so einfach einfangen lässt. Denn neben Neurodivergenz kam irgendwann die Pubertät hinzu und seit bald einem Jahr wird sichtbar, dass unser Pubertier die Lust und Laune an der Schule verloren hat oder zumindest kurz davor ist.

Regelmäßig werden Frust, Belastung und Stress angesprochen. Üben ist ein Kampf. Auch in jenen Fächern, die wirklich Spaß machen – dennoch so anstrengend sind. Hausübungen werden zur Qual und die Abgabefristen werden übersehen. Und anstatt Hilfe durch das System zu erhalten, beispielsweise mittels großartiger Erfindungen wie dem Internet und Smartphone, wo man Apps nutzen kann, um einzusehen, dass es Hausaufgaben gibt oder der nächste Test bevorsteht, muss sich plötzlich eine Teenagerin, die – so nebenbei – ganz andere Dinge im Kopf hat als semi-langweiliges Üben und Auswendiglernen von Formeln, mit der Situation anfreunden, dass das, was bis zur dritten AHS noch möglich war, plötzlich nicht mehr so einfach ist wie zuvor.

WebUntis-Eintrag von Hausaufgaben oder Testterminen? Nix da.

Zumindest nicht mehr seit Beginn der 8. Schulstufe. Mit dem Handyverbot könnten wir uns Eltern ja sogar noch anfreunden. Als Elternteil nicht mehr zu wissen, welche Hausaufgaben es gibt und wo man die Unterlagen findet – die ein ADHS-Kind häufig im Bankfach oder Spind liegen lässt. Das war für uns Eltern ein Schock.

Bereits im Oktober ein erstes Eltern-Lehrer-Gespräch zum Leistungsstand zu führen, war uns neu. Wir haben immer frühzeitig mit der Schule und den Lehrkräften Kontakt gesucht, um zu informieren, was unser Kind benötigt. Es war uns von Beginn an ein Anliegen, transparent zu kommunizieren. Und viele Lehrkräfte haben sehr positiv darauf reagiert. Andere verstehen die Situation unserer Tochter leider einfach nicht … bis heute.

Wir arbeiten weiter daran.

Weil wir durch unsere Erfahrungen und die ehrenamtliche Mitarbeit bei ADAPT – hier einen HERZLICHEN DANK an das ganze Team – viel lernen durften, täglich scheitern und neu beginnen, weiter täglich lernen und versuchen, aus dem Strudeln herauszukommen, haben wir im November 2025 nach einem großartigen (meine persönliche Meinung) Vortrag zu den „ausgleichenden Maßnahmen für Schüler/innen mit ADHS“, gehalten von Hr. Gerhard Weiss von der Bildungsdirektion Wien, den Entschluss gefasst, es nicht nur bei „Maßnahmen“ zu belassen, sondern im Rahmen eines Projekts ein Thema anzugreifen, von dem wir niemals gedacht hätten, dass es uns eines Tages so sehr beschäftigen würde:

Neuroinklusion im Schulalltag.

Man sollte meinen, dass im Jahr 2025 im Bildungssystem dieser Begriff bereits angekommen wäre. In den sozialen Medien kann man täglich darüber lesen. Ich bitte hier um Verzeihung bei all jenen, die wissen, worum es sich handelt, und die täglich als Fachkraft in ihrem Berufsfeld neuroinklusiv arbeiten. Ich kenne viele bemerkenswerte Lehrpersonen und hatte selbst einige davon in meiner eigenen Schullaufbahn.
ABER … mein Eindruck ist, dass wir Rückschritte machen, die wir gar nicht brauchen. Es braucht vielmehr Entlastung für Lehrkräfte, Eltern und in der Folge für Schüler/-innen.

Und diese Entlastung scheint nicht zu kommen. Eher im Gegenteil. Die Administration an Schulen scheint derart gewachsen, technisch nicht mit der Zeit gegangen zu sein und man scheint den Fokus auf „das Wesentliche“ (Anm.: Ich beziehe mich hierbei auf das österreichische Schulrecht und die Leistungsbeurteilungsverordnung (PDF)) verloren zu haben. Lehrkräfte sollten, so meine Ansicht, unsere Kinder und Jugendlichen auf dem Weg zu kompetenten Erwachsenen begleiten, zu gemeinsamen Zielen führen und dabei Wissen vermitteln, dieses mit den Lernenden gemeinsam erarbeiten und die Individualität der Lernenden dabei berücksichtigen. Die Schüler-/innen sollen in einem Raum der Inklusion Wertschätzung, Klarheit und Fairness erfahren und lebenslanges Lernen erlernen. Kompetenzorientiertes Erlernen sollte Vorrang gegenüber Wissensvermittlung durch Überschütten haben. Dafür braucht es Zeit. Es benötigt entspannte Lehrkräfte, pädagogisches Personal, Assistenzkräfte und Schulpsychologie wie Ganztagesbetreuung, die am besten alle etwas darüber wissen, wie das Lernen bei neurodivergenten Kindern stattfindet und stattfinden kann UND wie sich dieses Wissen darüber positiv auf ALLE Schüler-/innen auswirken kann. Ein Kind, das ausgeglichen ist und im Unterricht nicht unterbricht, weil es seine Impulse nur schwer kontrollieren kann, benötigt in der Folge weniger direkte Einwirkung durch Lehrkräfte. In der Folge profitieren die ganze Klasse und die Lehrkräfte. Ich denke, es ist Zeit für Veränderung. Und damit komme ich zum letzten Teil dieses Blog-Artikels.

Das Projekt: Alle anders, alle gleich.

Danke an unser Projektteam (noch kennt ihr nicht alle), welches hart arbeitet und diesen wunderbaren Titel für unser Projekt gefunden hat. Er beschreibt, denke ich sehr schön, wie es sein kann, wenn Neuroinklusion im Alltag greift. Wenn neurodivergente Menschen sich nicht verstellen müssen und keiner Diskriminierung ausgesetzt sind, sondern gleich sein können und doch anders. Und auch umgekehrt sind alle (sogenannten) neurotypischen Menschen mit ihren individuellen Stärken und Schwächen einerseits gleich und doch so anders. Alles in allem sind wir Menschen und es geht um uns alle und ganz besonders geht es um unsere Kinder und die Menschen, die ihnen tagtäglich in der Schule begegnen, sie begleiten und zu starken Erwachsenen heranführen, wie auch wir Eltern dies tun.

Wir möchten daher über dieses Projekt in Zusammenarbeit mit Fachkräften verschiedener Bereiche (Pädagogik, Forschung, Bildungswesen, Coaching, Gesundheitswesen uvm.) zusammenarbeiten, um Lösungen für Entlastung, Inklusion von neurodivergenten Kindern und Jugendlichen zu finden, Beratung und Psychoedukation für Lehrkräfte, Eltern und auch Schulleitungen anzubieten bis hin zu Politik und den Sozialpartnern, um eine Basis für die Zukunft von neurodivergenten Lernenden im Bildungssystem zu schaffen.

Eine Basis, die evidenzbasiert, ganz konkrete Ansätze für neuroinklusive Unterrichtsgestaltung liefert.

Eine Basis, die zum Weiterdenken über die gesundheitlichen Folgen zur Burnout-Prävention anregt und zu Verbesserungen beiträgt.

Dinge, die Lernende ebenso erfahren können, wie auch Erwachsene im Berufsleben, zu berücksichtigen, um ihnen Resilienz bereits frühzeitig mitzugeben UND das Gleiche auch für Lehrpersonen zu erreichen. Denn wenn wir es allgemein betrachten, profitieren von einem neuroinklusiven Ansatz im Bildungssystem bereits mittelfristig ALLE Beteiligten. Schüler/innen, Lehrpersonen, Eltern und später die Wirtschaft, das Gesundheitssystem und viele mehr.

Wir werden (sobald wie möglich) unser Projektteam vorstellen.
Wir möchten Eltern wie Lehrkräfte bitten, uns Feedback zu schicken unter: projekt-schule-adhs@adapt.at

Wir nehmen gerne Erfahrungsberichte, Fragen, Kritik usw. auf, damit wir Euch alle möglichst gut bei der Zukunft Eurer Kinder oder Ihrer Schüler/innen unterstützen können.

Alles Liebe und viel Kraft Euch allen!

Richard (LSB i.A.)

P.S.: Wir lassen demnächst wieder von unserem Projekt hören.

P.P.S.:  Es sollte bald die offizielle Handreichung zu ADHS und ausgleichenden Maßnahmen auf dem Formularserver der Bildungsdirektion Wien zum Download geben.