Mit “Sie wollen uns erzählen” (Zsolnay Verlag, 2026) hat Birgit Birnbacher einen Roman geschrieben, der mich von der ersten Seite an in seinen Bann gezogen hat. Sie erzählt von Ann und ihrem Sohn Oz, die beide mit ADHS leben und verwendet dabei eine Sprache mit seltener Eleganz und Wärme. Die Figuren sind mit so viel Sorgfalt gezeichnet, dass ich sie schnell ins Herz geschlossen habe.
Besonders beeindruckt hat mich, wie feinfühlig Birnbacher ihre Figuren begleitet, ohne sie zu erklären oder zu bewerten – sie dürfen einfach in ihrer eigenen Logik bestehen, mit all ihren ADHS-bedingten Stärken und Schwächen. Das erinnert eindrücklich daran, dass Neurodivergenz nicht nur Herausforderung, sondern auch Potenzial in sich trägt. Ein Abschnitt, der mich besonders tief berührt hat: Oz vertraut sich jemanden an. Als er sich endlich gesehen fühlt und darin den Raum findet, seine Gefühle zuzulassen, entsteht ein Moment tiefer Verbindung und Erleichterung.
Birnbacher trifft damit genau das Bedürfnis, das Kinder, Jugendliche wie Erwachsene mit ADHS oft in sich tragen: nicht verurteilt, sondern einfach gesehen und verstanden zu werden. Dieser Roman ist eine besonders stimmige Leseempfehlung: mit so feinem Gespür geschrieben, dass man gerne in ihm versinkt, und dem Thema ADHS zugleich mit großer Empathie zugewandt.
